Jonas, ein „Kind Gottes“

    Es ist Mittag und ich habe unseren kleinen Sohn Jonas ins Bett gelegt. Sein Stoffschaf im rechten Arm, den Daumen der linken Hand im Mund, schaute er mich müde an. Ich streichelte sein kleines Gesicht, dann ging ich aus dem Zimmer und schloss leise die Tür.

    Jetzt sitze ich hier im Wohnzimmer in einem bequemen Stuhl und denke an damals, an Jonas' Geburt......

    Es war ein Samstag Vormittag, mein Mann und ich waren noch spazieren, ich hatte schon einige Wehen und wir beschlossen, in die Frauenklinik zu fahren. Eigentlich wollte ich ambulant entbinden und mit unserem Baby am gleichen Tag nach Hause fahren. Allerdings waren wir vier Wochen vor dem errechneten Geburtstermin.In der Klinik angekommen, machte eine Ärztin Ultraschallbilder von unserem Kind und veranlasste, dass ich per Infusion ein wehenhemmendes Mittel bekommen sollte. Sie sagte, sie wolle den Oberarzt hinzuziehen.

    Ich war beunruhigt.

    Das Medikament verursachte Herzrasen, ich schwitzte. Draußen schien die Sonne, es war ein warmer Septembertag. Am Nachmittag kam der Oberarzt und führte ebenfalls eine Ultraschalluntersuchung durch. Die Ärztin war auch anwesend. Beide waren sehr freundlich zu mir, als sie mir erklärten, dass unser Baby noch kleiner war, als wir dachten. Den Messungen nach hätte es keine zwei Kilo. Sie überlegten, ob bei der Berechnung des Geburtstermins ein Fehler war, aber alles passte eigentlich.

    Der Oberarzt erklärte mir, dass die Frauenklinik keine Kinderintensivstation hätte, und dass es das Sicherste sei, mich am nächsten Morgen in ein Kreiskrankenhaus bringen zu lassen. Mein Mann war längst wieder zu Hause, es waren noch drei Kinder zu versorgen. So lag ich da, voller Gedanken! Ich konnte nicht schlafen und das Medikament ließ mich ohnehin nicht zur Ruhe kommen. Also betete ich zu Jesus: "Bitte hilf uns!"

    Am nächsten Morgen, es war Sonntag, der 22. September 2002, wurde ich mit einem Krankenwagen in das Krankenhaus gebracht. Ein junger Arzt kümmerte sich um mich und machte ebenfalls eine Ultraschalluntersuchung. Dann begleitete er mich in ein kleines Zimmer neben dem Kreissaal. Ich legte mich auf eine Liege, war inzwischen total erschöpft, denn die Wehen kamen wieder, seid ich in der Frauenklinik abgestöpselt wurde. Es waren komische Wehen, eben anders als sonst.

    Der junge Arzt ließ mich alleine. An diesem Tag war wohl viel los. Ich hörte Schritte den Gang rauf- und runter laufen. Schnelle Schritte und langsame, quietschende Sohlen und klappernde. Im Kreissaal neben mir hörte ich vier Frauen bei der Geburt ihrer Kinder zu. Die Zeit verging und der junge Arzt kam endlich wieder. "Was machen wir jetzt ?" Fragte er mich und verließ im gleichen Moment wieder das Zimmer.

    Ich betete unter Tränen : "Herr Jesus, mit meinem Baby stimmt etwas nicht, das kann ich fühlen! Bitte segne uns und lass mich mein Kind nicht verlieren! Sag mir, was ich tun soll!"

    Dann kam der junge Arzt und wollte mich wieder an das wehenhemmende Medikament hängen. Als stünde ich selbst neben mir, hörte ich mich sagen: "NEIN! Kaiserschnitt! Sofort!" In seinem Gesicht konnte ich lesen, dass er denken musste, ich würde spinnen. Aber meine felsenfesten Worte ließen keinerlei Diskussionen zu! "Ich rede sofort mit dem Chefarzt der Geburtsabteilung", meinte er konfus und ging.

    Der Chefarzt, ein freundlicher Mann mit weißem Bart gab mir die Hand und sah, dass es mir schlecht ging. "Wir bereiten einen sofortigen Kaiserschnitt vor!" waren seine Worte. Inzwischen war mein Anderl endlich da, nachdem er zuerst die Kinder zu Hause versorgt hatte.

    Alle beeilten sich plötzlich, alles ging auf einmal so schnell. Als ich auf dem OP-Tisch lag, alle Viere von mir gestreckt und festgeschnallt, mit einem Hohlkreuz, zitterte ich vor Angst. Mein ganzer Körper konnte nicht ruhig sein, ich hatte eine wahnsinnige Angst! Mein Anderl konnte durch ein Fenster bis zu diesem Zeitpunkt zusehen, dann zog man den Vorhang vor.

    Der Chefarzt wollte den Eingriff selber machen und im nachhinein wurde mir klar, wie lieb er und sein Team sich um mich kümmerten. Die Narkoseärztin streichelte meinen Arm, dann war ich weg.

    Während ich tief schlief, wurde unser Sohn Jonas um 15.19 Uhr auf die Welt geholt. Jonas schrie sofort. Eine Kinderärztin war während der OP anwesend, um sich in einem angrenzenden Raum sofort um den Kleinen kümmern zu können. Sie holte meinen Mann zu sich rein. Während die Ärztin den Jungen untersuchte, öffnete der Arzt, welcher den Kaiserschnitt vornahm, das Fenster wieder und sagte zu meinem Mann : "Ich gratuliere zu ihrem Sohn! Wir hätten keinen Augenblick mehr warten dürfen" und zeigte meinem Anderl die Nabelschnur, welche einen Knoten hatte, der sich zu zog!

    "Ihre Frau hat vollkommen richtig entschieden!"

    (Bei keiner Ultraschalluntersuchung war der Knoten zu erkennen! Allerdings fiel mir ein, dass ab dem fünften Monat die Vorsorgeuntersuchungen ergaben, dass das Kind kleiner war, als es sein sollte! Die Schlinge für den Knoten musste also schon vorhanden sein!)

    Die Kinderärztin packte unser Baby in Tücher und ging mit ihm und meinem Anderl zügig Richtung Frühchenintensivstation! Dort angekommen wurde Jonas, 1890gr. leicht, in einen Brutkasten gelegt und versorgt. Er wurde an einen Monitor angeschlossen, um ihn gut zu überwachen.

    Jonas musste nicht beatmet werden!

    Langsam wurde ich wach und Anderl war bei mir. Ich fühlte mich total benebelt, konnte aber Anderls Sorge spüren. Er erzählte mir, was passiert war, und zeigte mir ein Polaroid-Foto, welches eine Intensiv-Schwester von Jonas gemacht hatte.

    In diesem Augenblick trafen sich viele Gefühle auf einmal: Sorge, Freude, Angst und Liebe! Anderl nahm meine Hand zwischen seine und verabschiedete sich mit den Worten : "Morgen, ganz früh bin ich bei dir und wir besuchen unser Kind."

    Ich betete wieder, weil ich eine solche Sehnsucht nach meinem Baby hatte und dann schlief ich ein.

    Am nächsten Morgen war ich ganz aufgeregt. Zwei Schwestern halfen mir beim Waschen und Anziehen und sie bestanden darauf, dass ich aufstand. Beide Hände fest auf die Narbe gepresst, stand ich da und hatte Schmerzen! Meine Infusion wurde gezogen, ich frühstückte, bat eine Schwester um eine fahrbare Milchpumpe und alles was dazu gehörte. Dann kam Anderl mit einem roten Rollstuhl, half mir hinein, legte meine beiden Wundschläuche mit Beutel auf meinen Schoß und schob mich Richtung Baby! Ach, ich war so aufgeregt!

    Es war ein großes Krankenhaus und wir waren einige Flure und Aufzüge unterwegs. Dann saß ich vor dem Kasten meines Kindes und weinte bei dem Anblick. So viele Schläuche und ein so kleines Kind! Es dauerte einen Moment, bis ich mein Kleines berühren konnte, endlich berühren durfte!!

    Ein Kinderarzt klärte uns darüber auf, dass Jonas durch den Knoten in der Nabelschnur nur noch am seidenen Faden hing, und völlig unterernährt sei! Das war ein Schock! Er sagte uns auch, dass Jonas in der Lage ist, selbständig zu atmen, allerdings könne er nicht selber trinken, weil er zu schwach sei und er müsse deshalb sondiert werden.

    Zudem informierte uns der Arzt, dass Jonas nur noch einen Zuckerwert von 4 hatte, ein Baby aber einen Wert von 50 bräuchte!!! Neurologisch sei Jonas unauffällig.

    Am Nachmittag, ich war alleine, wollte ich zu meinem Kind und weil Anderl zu Hause war und alle Schwestern zu tun hatten, zwang ich mich, alleine aufzustehen und zu Jonas zu gehen. Eine Hand fest auf die Narbe gepresst, in der anderen Hand die Milchflasche für meinen Sohn, machte ich mich alleine auf den langen Weg! Bei ihm angekommen, freute ich mich. Es war Zeit, Jonas zu sondieren, meine Milch zu sondieren, und ich durfte das tun!

    Die langen Flure zu Jonas und zurück wurden eine Art Pilgerstrecke für mich. Mit Gebeten voller Sorgen hin, mit Gebeten voller Dankbarkeit zurück in mein Zimmer, mehrmals am Tag!

    Am dritten Tag nach der Geburt, es war schon spät am Abend, trieb mich Unruhe zu meinem Kind. Ich war gerade durch die Türe der Intensivstation gekommen, als mich ein Arzt ansprach. Jonas hätte so erhebliche Probleme, den Zucker zu halten, sie würden ihm ohnehin schon die höchstmögliche Dosierung geben. Eine höhere Dosis würde die Venen verschließen. Die einzigste Möglichkeit bestand darin, einen Katheter vom Unterarm bis nahe zum Herzen zu legen. Der Arzt wollte den Eingriff sofort vornehmen.

    Ich rief meinen Anderl an, und es tat so gut, Hand in Hand mit ihm zu warten. Dann durften wir den Kleinen sehen. Er schlief noch und seine rechte Hand war stark angeschwollen. Ich war sehr traurig.

    Es dauerte noch einige Zeit, bis der Schlauch gezogen werden konnte, aber nach zwei Wochen war es so weit und Jonas durfte in ein Wärmebettchen umziehen. Ich musste nach acht Tagen nach Hause, ohne mein Kind! Jonas Zuckerwert war noch immer nicht stabil, er schwankte stark. Nur ganz allmählich wurde es besser.

    Anderl nahm unbezahlten Urlaub und fuhr am Vormittag zu Jonas ins Krankenhaus und ich am Nachmittag. Wir durften wickeln, schmusen und sondieren.

    Jonas war insgesamt vier Wochen im Krankenhaus und Jesus machte mir persönlich eine so große Freude, denn genau am errechneten Geburtstermin bekam ich unser Kind mit nach Hause. Das Stillen, das im Krankenhaus so gar nicht funktionieren wollte, ging zu Hause wunderbar!

    In meinem Herzen trage ich tiefe Dankbarkeit, weil ich unser Kind ohne Jesus verloren hätte! Wir danken unserem Schöpfer für Seinen Segen!

    A.